 |
| Sonnenaufgang über der Taiwan-Straße vor der Insel Makung (馬公). Im Gegensatz zu Taiwan wurde die Zugehörigkeit der Penghu-Inseln (澎湖) zum chinesischen Kaiserreich auch in früherer Zeit nicht grundsätzlich in Frage gestellt. |
"Taiwan ist ein Teil des heiligen Territoriums der Volksrepublik China." So steht es seit 1984 in der Präambel der Verfassung der VRCh geschrieben. Dessen ungeachtet hat die Regierung der Volksrepublik seit der Staatsgründung am 1. Oktober 1949 bis heute natürlich keinen einzigen Tag lang tatsächlich Kontrolle über die Insel Taiwan ausgeübt. Da sich die Führer der Kommunistischen Partei Chinas jedoch als einzige rechtmäßige Nachfolger der chinesischen Kaisereiche (221 v. Chr. bis 1911) bzw. der Republik China (1911-1949 auf dem Festland) verstehen, greift man von offizieller Seite auch gerne mal in den geschichtlichen Setzkasten und erweitert die historische Dimension der taiwanischen Zugehörigkeit zu China mit Sätzen wie "Taiwan ist seit Urzeiten ein Bestandteil des chinesischen Territoriums." (Bestimmte alteingesessene Kader in der Kuomintang äußern sich möglicherweise etwas weniger lautstark, dürften solchen Kommentaren aber wenigstens durch ein energisches Kopfnicken grundsätzlich beipflichten.)
Dementsprechend umfangreich, so sollte man meinen, fielen dann auch die Beschreibungen in alten chinesischsprachigen Quellen aus. Immerhin haben die Chinesischen Gelehrten über tausende von Jahren eine der ältesten Schrifttraditionen der Welt aufrechterhalten und weiterentwickelt. Unter den über viele Dynastien hinweg geschaffenen Aufzeichnungen und Beschreibungen sollte also auch das ein oder andere zu einer mittelgroßen und relativ nahe am Kontinent gelegenen Insel wie Taiwan abgefallen sein. Bis vor ein paar Jahrzehnten versuchten sich sowohl in Taiwan als auch in China Akademiker daran, eine möglichst weit zurückreichende historische Zugehörigkeit Taiwans zu "China" nachzuweisen, was meist in obskuren Quellen"belegen" aus der Zeit der Drei Reiche (etwa 208-280 n. Chr.) gipfelte. Spätestens seit den 80er Jahren verlor dann zumindest in Taiwan der politisch-ideologische Imperativ in der Geschichtswissenschaft an Bedeutung, so dass sich eine zunehmend wissenschaftlichere Methodik in der Bearbeitung von Quellen durchsetzen konnte.
 |
| Bis weit in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts hinein wurde "Taiwan" in China noch als ein loser Bund aus mehreren kleineren Inseln wie Penghu (Mitte unterer Bildrand) gedacht. Die Art der Darstellung sagt viel über den Wissenstand und das Interesse des Ming-Kaiserhofs an Taiwan aus. (Quelle: http://www.tonyhuang39.com/tony0299.html) |
Tatsächlich sind konkrete Äußerungen zu Taiwan in altchinesischen Quellen mehr als spärlich. Der heutige Stand der seriösen Geschichtsforschung ist, dass es bis zum Ende der Ming-Dynastie (1368-1644) keine Aufschreibungen gibt, die sich eindeutig an Taiwan festmachen lassen. Das heißt natürlich nicht, dass kein Chinese zuvor jemals den Weg vom Festland auf "das andere Ufer" gefunden hat.
Doch damals wie heute war allein schon die Namensgebung der Insel mit gewissen Problemen verbunden. "Taiwan" wurde sie jedenfalls nicht genannt. In den Quellen kursieren andere Bezeichnungen, die oftmals durcheinandergebracht und mehrfach gebraucht auch heute teilweise noch in Ortsnamen auf und um Taiwan Verwendung finden, wie Hsiao Liou Ciou, Keelung, Tamsui, Dayuan usw. In viel Kleinarbeit haben Historiker bestimmte Bedeutungsverschiebungen rekonstruieren können. "Hsiao Liou Ciou," oder "Klein-Liou-Ciou", heute der Name einer kleinen
Koralleninsel vor der Südwestküste Pingtungs, wurde einmal stellvertretend für "Taiwan" verwendet, das man so von "Groß-Liou-Ciou", dem heutigen Okinawa, unterscheiden wollte, obwohl letztere flächenmäßig in Wahrheit nur einen Bruchteil von der Größe Taiwans besitzt. Die Bezeichnung "Liou Ciou" bzw. Ryukyu wurde wie auch heute noch als eine Bezeichnung der Inselkette zwischen Japan und Taiwan gebraucht. Lange Zeit existierte hier ein mehr oder weniger autonomes Königreich, welches im Laufe der Jahrhunderte mal China, mal Japan, meistens beiden gleichzeitig Tribut zollte, bevor es Ende des 19. Jh. von Japan annektiert wurde.
 |
| Nicht viel anders sahen es auch die Europäer wie aus der vom Jesuiten-Missionar Matteo Ricci 1602 im Auftrag des Kaisers fertiggestellten Weltkarte ersichtlich wird. Die Abbildung zeigt eine Variante der Unterscheidung zwischen Groß- und Klein-Liou-Ciou (Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Kunyu_Wanguo_Quantu_by_Matteo_Ricci_Plate_1-3.jpg) |
Selbst dem Ming-Kaiserhof also, der in einem kurzen aber mächtigen Auswärtsdrang zu Beginn des 15. Jahrhunderts noch die weltgrößten Segelschiffe bauen und damit unter Admiral Zheng He Expeditionen bis an die afrikanische Ostküste unternehmen ließ, bevor er sich in einer Radikalwendung vom Meer abwandte, war bis kurz vor seinem Niedergang zweihundert Jahre später noch nicht einmal bekannt, dass es sich bei Taiwan überhaupt um eine einzige zusammenhängende Insel handelte.
Je mehr sich der Ming-Hof in den letzten Jahrzehnten der Dynastie nach außen abschottete und etwa immer wieder weitreichende Verbote des Überseehandels verfügte, nahm das Piratenwesen an den Küsten zu. Das wenig beachtete Taiwan wurde so zu einem logischen Anzugspunkt für Piraten und Schmuggler aus China, Japan und Südostasien, die immer wieder Raubzüge in Richtung Festland unternahmen, dabei die Fischerdörfer plünderten und die dort lebende Bevölkerung drangsalierten. Ende des Jahres 1602 entsandte die Ming-Regierung schließlich den General Shen Yourong (沈有容), um die Piraten in ihren Nestern auszuräuchern.
Es sind just die vom Gelehrten Chen Di (陳第) festgehaltenen Aufzeichnungen zu dieser am Anfang des Folgejahres unternommen "Strafexpedition", die heute als eine der ältesten "gesicherten" Quellen der taiwanischen Geschichtsforschung gelten. In einem Dialog zwischen dem Autor und einem nicht weiter vorgestellten Gast, der nach dem Frage- und Antwortprinzip aufgebaut ist (
Zhoushi kewen 舟師客問), erfährt man so einiges über die Einstellung des Ming-Hofes zur Insel. Nicht nur die geografische Form Taiwans ist den Offiziellen in China jener Zeit fremd, sie bezeichnen die Insel auch noch abwertend als "Land der östlichen Barbaren" (東番), eine typische Nomenklatur für Gebiete, die sich vor allem durch das Nichtvorhandensein der chinesischen Zivilisation auszeichneten.
 |
| Auszug aus Zhoushi kewen (frühes 17. Jh.). |
So ist es kein Wunder, dass der Gast in einem zentralen Abschnitt nicht nur die Erfolgsaussichten der geplanten Aktion, sondern gleich auch deren Rechtmäßigkeit in Frage stellt, indem er anmerkt, dass es sich bei den Piraten doch um Individuen handele, die sich außerhalb des eigenen, d.h. des kaiserlichen, Territoriums aufhielten (“非我版圖者”). Chen Di antwortet ihm: “Der Ort, an dem die Piraten leben, gehört tatsächlich nicht zu unserem Territorium, doch wenn sie von dort losziehen und Überfälle starten, greifen sie dann nicht auch Teile unseres Territoriums an?”
Die Definition des militärischen Unternehmens als Notwehrreaktion oder Präventivschlag gegen die Piratennester erlaubt also auch den Einsatz in "Übersee," wenn so die Sicherheit von Gebieten, die dem Schutz des Kaisers unterstehen, gewährleistet werden kann. In dieser Quelle werden neben den Südostprovinzen Fujian, Guangdong und Zhejiang auch die Inseln von Kinmen und Penghu als solche "Schutzgebiete" bezeichnet. Taiwan dagegen lag zu jener Zeit sowohl territorial als auch kulturell außerhalb des direkten Einflussbereiches imperial-chinesischer Staatsmacht.
Und im Gegensatz zu Teilen der Führungsriege aus taiwanischer und chinesischer Gegenwartspolitik erhoben damalige Regierungsoffizielle auch keinen derartigen bis ins chinesische Altertum rekonstruierten Anspruch.